Eine Politikerin, die sich nicht wegduckt

Wiebke Knell vertritt Nordhessen im Wiesbadener Landtag

Selten am Schreibtisch

„Ich bin viel unterwegs“, sagt Wiebke Knell und blickt zum Fenster ihres Büros hinaus. Montags und freitags reihen sich vormittags oft die Telefonkonferenzen aneinander, ansonsten ist sie überall in Hessen unterwegs. Abends folgen meist politische Termine.

Zu Hause, das ist Nausis, ein Ortsteil von Neukirchen im Schwalm-Eder-Kreis. Dort wohnt sie wieder in ihrem Elternhaus.

Wir kennen uns seit knapp zehn Jahren, man begegnet sich in Nordhessen immer wieder. Was mir in dieser Zeit an ihr aufgefallen ist: Egal, wie schwer es ihre Partei gerade hat, Wiebke Knell duckt sich nicht weg.

Ein Autogramm mit 14

Einen einzigen entscheidenden Moment für ihren Weg in die Politik gab es nicht. Wiebke Knell wächst in einem politischen Haushalt auf. Ihr Vater ist seit Jahrzehnten in der Kommunalpolitik aktiv, bis heute. Wahlkämpfe, Plakate aufhängen, Diskussionen am Abendbrottisch gehören zu ihrer Kindheit.

„Das führt nicht automatisch dazu, dass man Politikerin werden will“, sagt sie. „Meine Geschwister sind es auch nicht geworden.“ Aber es weckt ihr Interesse. Sie wird, wie viele spätere Abgeordnete, Klassensprecherin und engagiert sich in der Schülervertretung.

Ein Abend bleibt ihr besonders im Gedächtnis. Ihr Vater nimmt sie mit zu einer FDP-Veranstaltung nach Bad Hersfeld. Auf der Bühne steht der damalige FDP-Bundesvorsitzende Dr. Wolfgang Gerhardt und spricht über Bildungspolitik. Wiebke ist 14 und holt sich ein Autogramm. Kurz darauf tritt sie den Jungen Liberalen bei. Zwei Organisationen hat sie sich damals angeschaut. „Ich glaube, das war die richtige Entscheidung.“

Stadt, Kreis, Land

Heute ist Wiebke Knell auf drei politischen Ebenen unterwegs. Sie ist seit 20 Jahren Stadtverordnete in Neukirchen und Kreistagsabgeordnete, seit neun Jahren außerdem im Hessischen Landtag. Dort führt sie die FDP-Fraktion gemeinsam mit Dr. Stefan Naas.

Kommunalpolitik sei eigentlich einfacher, sagt sie. Man weiß, wo die Straße liegt, die gebaut werden soll. Man kennt die Jugendlichen, die sich einen Bikepark wünschen. Am Abend vor unserem Gespräch ging es um die Stadtjugendpflege. Die Stelleninhaberin geht in Elternzeit, und die Verwaltung schlägt vor, die Stelle so lange nicht zu besetzen.

Doch Wiebke Knell widerspricht – aus Haltung. „Egal, wie hart die Zeiten finanziell sind, gerade in den kleinen Kommunen: Wir können die Kinder und Jugendlichen nicht darunter leiden lassen. Wenn da ein, zwei Jahre nichts passiert, fehlen sie uns in fünf, sechs Jahren. Dann sind das Jugendliche, die wir politisch vielleicht nicht mehr erreichen.“

Im Landtag geht es um größere Debatten: „Kein Abgeordneter kennt sich mit allen Themen aus. Man muss sich manchmal reinfuchsen.“ Das Handwerk dafür hat sie im Stadtparlament, im Kreistag und auf den Kongressen der Jungen Liberalen und den Parteitagen der FDP gelernt: debattieren, die eigene Meinung vertreten, sie auch mal durchkämpfen.

Optimismus als Haltung

Woher nimmt sie ihren Optimismus, wenn die FDP nicht mehr im Bundestag sitzt? Ihre Antwort beginnt bei der Überzeugung. Wiebke Knell ist in die Partei eingetreten, weil sie den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht den Staat.

Jeder soll die besten Chancen bekommen und zugleich Verantwortung für sich selbst übernehmen. Der Staat soll sich um seine Kernaufgaben kümmern und die Menschen ansonsten in Ruhe lassen. Genau diese Stimme, findet sie, fehlt jetzt in Berlin.

Die Idealistin von damals hat dazugelernt. „Ich habe gedacht, man kann die Welt schnell verändern. Das ist leider nicht so. Man braucht ein dickes Fell und muss sich selbst motivieren.“

Wie ihr das gelingt? Wiebke Knell zögert kurz. „Ich bin ein grundoptimistischer Mensch. Es hilft nichts, schlecht gelaunt durch die Welt zu gehen. Dann überzeugt man auch niemanden.“ Und sie will das Feld nicht anderen überlassen. „Es braucht Menschen, die andere ermutigen, selbst sein Leben in die Hand zu nehmen und nicht sagen: Der Staat kümmert sich um alles.“

Hinterm Mond? Von wegen

Wo drückt der Schuh in Nordhessen? Für Wiebke Knell ist es ein Problem, das seit Jahrzehnten besteht: Der ländliche Raum hat in der Politik nicht das Gewicht, das er bräuchte. Das gilt für Nordhessen ebenso wie für Teile Ost- und Südhessens. Wir sprechen über Bildungschancen, Wirtschaft, Mobilität, Landwirtschaft, Forst und Jagd: Nach ihrer Beobachtung wird vieles nur aus städtischer Perspektive gedacht.

Am deutlichsten spürt sie das bei der Gesundheitsversorgung. Dass die Geburtshilfe und Gynäkologie der Asklepios-Klinik in Schwalmstadt schließt, nennt sie einen herben Schlag. „Das passiert in einer städtischen Umgebung nicht. Hier wird nur auf Zahlen geschaut.“

Knell hat sich aktiv für den Standort eingesetzt und den Kampf verloren. Gern hätte sie pragmatische Wege gesehen, etwa ein Förderprogramm für den ländlichen Raum. „Ich bin sonst kein Fan davon, alles zu fördern. Aber manchmal muss Politik Weichen stellen.“

Ich liebe das Leben auf dem Dorf

Was sie triggert? Wenn Menschen, die nie über die Wetterau hinausgekommen sind, den Nordhessen erklären, was sie brauchen. „So hinterm Mond sind wir nicht, wie manche im Rhein-Main-Gebiet glauben. Ich liebe das Leben auf dem Dorf. Aber das heißt nicht, dass es nicht in manchen Bereichen besser ginge.“

Ihre Antwort ist mehr Freiheit für die Kommunen. Statt Geld über unzählige Förderprogramme zu verteilen, sollen die Gemeinden selbst entscheiden, was ihnen wichtig ist: die Stadtjugendpflege oder der Spielplatz. „Die besten Entscheidungen werden immer vor Ort getroffen.“

Ich erzähle ihr, was mir als Zugezogenem aus Baden-Württemberg in Nordhessen auffällt: jedes Jahr ein neues Projekt, solange die Fördermittel fließen, danach ist es wieder begraben. Sie stimmt zu. „Manchmal ist die Entscheidung dann: Wir machen gar nichts, anstatt zu überlegen, wo wir mit unserer Kommune eigentlich hinwollen.“

In Neukirchen hat die Stadtverordnetenversammlung gerade bei einem alten Kaufhaus entschieden, nicht sofort Fördermittel abzurufen und Konzepte umzusetzen, die nicht passen sondern erst zu fragen, was die Stadt braucht, und die Bürger zu beteiligen.

Kita ist keine Aufbewahrung

Wiebke Knell ist Mutter von zwei Kindern. Ihr Sohn ist fast fünf, ihre Tochter neun. Je älter die Kinder werden, desto genauer schaut sie auf Kindergarten und Schule: „Dann wird mir umso bewusster, wie wenig Chancengleichheit wir in diesem Land haben.“

Ansetzen möchte sie früh. Sie wünscht sich mehr Sprachförderung, stattdessen werden vom Land die Sprachkitas gestrichen. Und sie will, dass die Kita endlich als Bildungseinrichtung anerkannt wird. „Nicht nur Aufbewahrung, Spiel und Spaß. Man kann Kinder dort schon richtig fördern.“ Dafür braucht es gut ausgebildete Fachkräfte. Sie beobachtet jedoch, dass Quereinsteiger zunehmen und die Qualität aus dem Blick gerät.

Über ihren Kindergarten in Neukirchen kann sie sich nicht beklagen, dort arbeiten tolle Leute. Aber andernorts sieht es anders aus. „Wir können nicht ändern, dass es bildungsferne Haushalte gibt oder unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten. Aber das Bildungssystem muss das umso mehr ausgleichen. Jedes Kind soll hier alles werden können, unabhängig von Elternhaus, Herkunft oder Postleitzahl.“

Lust auf Verantwortung

Ob sie mit einem Fleischermeister spricht, mit einem Logistikunternehmen oder auf einem Bauernhof steht: Die Klagen ähneln sich über alle Branchen und Betriebsgrößen hinweg. Zu viel Bürokratie, zu hohe Steuern, Fachkräftemangel, zu wenig Vertrauen. Viele wünschen sich, wieder mehr Zeit im Stall oder in der Werkstatt zu verbringen statt am Schreibtisch.

Bei ihren Gesprächen spürt Wiebke Knell auch die Frustration mancher Bürger: Sie kennt Menschen, die auswandern wollen, darunter viele junge und gut ausgebildete. „Das ist doch irre. Das macht mir schon Sorgen.“

Ihr Rezept klingt schlicht: Steuern runter, Bürokratie runter, Unternehmergeist wieder belohnen. Dahinter steckt für sie auch eine Frage der Mentalität. „Was raten wir jungen Menschen? Wo sollen sie hingehen? Man kann auch mal scheitern mit einer Idee. In anderen Ländern gibt es da einen anderen Spirit.“

Sie weiß, wovon sie spricht. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie selbst Unternehmerin. Im vergangenen Jahr haben die beiden einen Onlinehandel für Grabschmuck übernommen und erleben seither, wie aufwendig etwa der Umgang mit dem Zoll ist. „Man kriegt in diesem Land wenig Lust gemacht, Verantwortung zu übernehmen. Aber ohne Menschen, die bereit sind, Risiken zu tragen, werden wir nicht aus dem Quark kommen.“

Weniger Politik, mehr Zusammenhalt

Wiebke Knell ist christlich sozialisiert. Den Wandel der Kirchen beobachtet sie aufmerksam. Immer mehr Menschen treten aus, Glaube spielt eine immer geringere Rolle. Sie wünscht sich Angebote, die Familien erreichen und Kinder und Jugendliche nicht nur bis zur Konfirmation begleiten.

Mit einer Sache hadert sie allerdings. „Ich würde mir wünschen, dass sich die Kirche aus der Politik heraushält.“ Als Beispiel nennt sie Landwirte, die konventionell wirtschaften und denen die evangelische Kirche die Pacht gekündigt hat. „Das geht die Kirche nichts an.“

Aufgaben sähe sie genug, vor allem beim gesellschaftlichen Zusammenhalt. Was ihr Sorgen macht, ist der zunehmende Streit, der schwindende Respekt, die Verrohung der Sprache im Internet. „Ich bin nicht diejenige, die der Kirche Tipps geben muss. Aber ich würde mir wünschen: ein bisschen weniger Politik und mehr Einsatz für den Zusammenhalt.“

Nicht bis 23 Uhr zittern

Bis zur nächsten Landtagswahl sind es noch rund zwei Jahre. „Zum Glück“, sagt sie und lacht. Sie hofft, dass die FDP bis dahin so stabil ist, dass am Wahlabend niemand bis 23 Uhr warten muss, um zu wissen, ob die Liberalen wieder im Landtag sitzen.

Sorge bereitet ihr die Polarisierung der vergangenen Wahlkämpfe. Sie möchte nicht, dass sich alles nur noch zwischen links und rechts abspielt. Und sie hält nichts davon, Wähler zu beschimpfen. „Der Wähler macht erst mal alles richtig in dem Moment, in dem er wählt. Aber das Angebot muss stimmen. Das ist Aufgabe der Parteien. Wir wollen gewählt werden, also müssen wir die Probleme der Menschen lösen oder zumindest Ideen präsentieren.“

Wer das versäumt, stärkt die Ränder. Und wenn die Mitte schwindet, braucht es am Ende drei oder vier Fraktionen für eine Regierung. Das macht das Regieren nicht einfacher.

Ihr Wunsch klingt nach der Klassensprecherin von damals, die gelernt hat, dass Debatte nicht Feindschaft bedeutet: „Mehr auf die Gemeinsamkeiten der demokratischen Parteien schauen, weniger auf das, was uns trennt. Ich glaube, das wird uns allen guttun.“


Interview: Rainer Wälde

Fotos: FDP Fraktion

Weitere Informationen: https://wiebke-knell.fdp-hessen.de