Das letzte Lebensfest feiern

Melanie und Volker Kesting lieben das Leben und lachen beide sehr gerne. Gleichzeitig setzen sie als Bestatter neue Akzente für eine wertschätzende Trauerkultur.

Eine Berufung mit Sinn

„Wenn ich gewusst hätte, dass der Beruf des Bestatters so erfüllend ist, hätte ich ihn früher schon gewählt“, erklärt Volker Kesting und führt mich mit seiner Frau in das Beratungszimmer.

An der Wand hinter den beiden leuchtet ein grüner Wald. Hier geht es um Hoffnung, denke ich und werde an das „grüne Band der Sympathie“ erinnert – ein Werbeslogan aus meiner Jugend. Mit Sterben und Abschiednehmen hat dies auf den ersten Blick wenig zu tun.

„Wenn jemand einen Beruf mit Sinn sucht, kann ich nur empfehlen, Bestatter zu werden“, sagt Volker Kesting und berichtet, wie er seine Berufung gefunden hat. „2013 ist mein Vater gestorben und ich hatte nur 15 Minuten Zeit, um mich von ihm zu verabschieden.“

Er macht eine kurze Pause: „Ich fand das ziemlich befremdlich und habe mir überlegt, wie man das besser machen kann.“ Kesting erinnert sich daran, wie er als kleiner Junge beim Bestatter vorbei gegangen war: „Der Beruf hat mich schon früh fasziniert. Doch das Thema Tod war in unserer Heimat Waldeck-Frankenberg tabuisiert.“

Zu früh zum Sterben

Volker Kesting arbeitet in dieser Zeit als Leiter der Personalentwicklung bei Depot: „Für dieses Unternehmen habe ich auch eine Akademie aufgebaut.“ Parallel unterrichtet er als
Dozent an der Hochschule in Heidenheim die Fächer Unternehmensführung und Personalwirtschaft und ist dort auch im Prüfungsausschuß.

„Ein wichtiger Wendepunkt war mit 42 Jahren meine Leukämie Erkrankung“, berichtet Kesting und blickt zu seiner Frau: „Das ist mir zu früh zum Sterben. Plötzlich war ich mit der Frage konfrontiert: Was will ich mit dem Rest des Lebens sinnvoll anfangen?“

Er besuchte viele Fach-Seminare und absolvierte die Ausbildung zum geprüften Bestatter (Handwerkskammer Düsseldorf) an der Bestatterschule in Münnerstadt. Zusätzlich beschäftigte er sich mit psychologischen Fragen des Sterbens und Abschiednehmens. Dann trifft er gemeinsam mit seiner Frau Melanie eine gravierende Entscheidung: Sie bewerben sich um ein Bestattungshaus.

Es braucht sehr viel Empathie

Auch für seine Frau Melanie ist dies ein gravierender Schritt: „Ich habe zu diesem Zeitpunkt fast 30 Jahre in einem Steuerbüro als gelernte Bilanzbuchhalterin gearbeitet. Mit dem Thema Abschied hatte ich nur wenig zu tun.“

Um sich auf seinen Berufswechsel vorzubereiten, hospitiert Volker Kesting bei mehreren Bestattern u.a. in Leipzig, Leutkirch, Memmingen und Frankfurt. Dann lässt er sich in einem Bestattungshaus in Karlsruhe fest anstellen. „Dort habe ich in vielen Beratungsgesprächen gelernt, dass es sehr viel Empathie braucht, um die Angehörigen und den Verstorbenen auf der letzten Reise zu begleiten.“

Während dieser Zeit führen die beiden Kestings eine Wochenendehe. Dann erfahren sie, dass in Schwalmstadt ein Bestattungshaus verkauft werden soll: „Heike Emmeluth-Diehl und Wolfgang Diehl hatten sich einen guten Ruf in der Schwalm erworben.“

Das eigene Abschiedshaus

Volker Kesting entscheidet sich, von Karlsruhe nach Ziegenhain zu wechseln: „Ich wollte herausfinden, ob ich in die Schwalm passe.“ Ein Jahr arbeitet er bei Emmeluth-Diehl und lernt auch den Seniorchef Adolf kennen. Dann treffen sie die Entscheidung, das Unternehmen zu übernehmen. Für uns…“Das Bestattungshaus mit Seele!“

„Uns beiden hat besonders das eigene Abschiedshaus zugesagt“, berichtet Melanie Kesting. „Ein sehr geschmackvoll gestalteter Raum, in dem sich die Angehörigen in aller Ruhe von dem Verstorbenen verabschieden können.“

„Es gibt keinen zeitlichen Druck“, ergänzt Volker, „das war mir nach den Erfahrungen mit meinem Papa besonders wichtig. Zudem haben wir einen Extraraum für die hygienische Versorgung der Verstorbenen.“

Er berichtet, dass es für ihn eine Ehre ist, die Verstorbenen mit großer Achtsamkeit zu waschen, noch einmal die Zähne zu putzen und dann respektvoll anzukleiden.

Eine Ehre den letzten Weg zu begleiten

„Mein Papa ist im letzten Januar gestorben“, erzählt Melanie. „Es war ein Geschenk für uns, ihn auf dem letzten Weg in unserem eigenen Institut begleiten zu dürfen.“ Beide erklären, wie ihnen die eigene Trauererfahrung hilft, auch die Angehörigen auf diesem schwierigen Weg zu begleiten.“

„Besonders schwer ist der Tod von Kindern. Die Eltern vertrauen uns ihr Wertvollstes an“, berichtet Melanie, die selbst eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin abgeschlossen hat. „Wenn Jugendliche früh sterben, laufen mir selbst die Tränen, weil ich an unsere eigenen Kinder denke.“

Melanie Kesting ist bei den Überführungen dabei und begleitete auch die Trauerfeiern. „Wir versuchen immer zu zweit zu sein, um Zeit für die Angehörigen und Gäste zu haben. Die Trauerfeier ist das letzte Lebensfest eines Menschen.“

Bestattungsvorsorge als Herzensthema

Die Gespräche mit den Trauernden zuhause oder im Bestattungshaus führt seit der Übernahme 2022 Volker Kesting. Er kümmert sich auch um die Bestattungsvorsorge: „Das ist ein Herzensthema. Ich möchte schon frühzeitig mit den Menschen über ihre eigene Bestattung, ihre Wünsche und Ängste sprechen.“ „Dazu habe ich die Ausbildung zum zertifizierten Bestattungsvorsorgeberater beim Bundesverband Deutscher Bestatter e.V. in Düsseldorf absolviert.“

Wer das eigene Lebensende nicht tabuisiert, sondern aktiv darüber nachdenkt, gewinnt mehr Lebensqualität. „Wir sind glücklich über das Team der Mitarbeiter“, berichten Melanie und Volker Kesting: „Alleine könnten wir das nicht.“ Zumal sie als Bestatter 365 Tage Tag und Nacht erreichbar sind.

Am Ende unseres Gesprächs will ich wissen: Woher nehmen die beiden ihre Kraft? „Wir bekommen von den Angehörigen sehr viel Dankbarkeit zurück“, berichtet Volker. „Wenn Angehörige sagen: Das war genauso wie es unserer Mama auch gefallen hätte“, sagt Melanie, „wissen wir, dass wir alles richtig gemacht haben.“

Humor hilft auch in schweren Situationen

„Wir gehen mit den Angehörigen gemeinsam durch das Tal“, ergänzt Melanie. „Anteilnahme ist für uns keine Floskel. Wir versuchen alles möglich zu machen, was sich die Angehörigen oder der Verstorbene sich gewünscht hat.“

Volker Kesting schaut mich mit wachen Augen an: „Humor hilft natürlich auch, wenn Angehörige eine schöne Anekdote erzählen. Wir sind selbst gläubige Menschen und freuen uns, wenn die Angehörigen im Nachgang sich z.B. mit einem persönlich geschriebenen Brief bei uns bedanken.

Er berichtet von den Konfirmandengruppen, die sie regelmäßig in ihr Bestattungshaus einladen: „Ich mache gerne auch Besuche in Schulen, um über Tod, Trauer und Sterben zu sprechen. Mir ist es wichtig, jungen Menschen das Thema näher zu bringen.“

Weitere Informationen: http://www.bestattungen-schwalmstadt.de

Text: Rainer Wälde