Kloster Haina gehört zu den besterhaltenen Zisterzienseranlagen Deutschlands. Ein lohnendes Ausflugsziel im Herbst.

Vom Mönchskloster zum Hohen Hospital
Die große Klosteranlage liegt im Wohratal am Rand des Kellerwalds, abseits der großen Straßen. Wer hierher kommt, erlebt eine frühgotische Klosterkirche von europäischem Rang, eine fast 500 Jahre alte Sozialgeschichte und den Geburtsort einer der berühmtesten Malerfamilien des 18. Jahrhunderts. Hier erfahren Sie, was Sie bei Ihrem Besuch nicht verpassen sollten.
Die Geschichte beginnt um 1150 auf der Aulesburg, wo sich die ersten Zisterziensermönche niederließen. Im Jahr 1201 erwarb die Gemeinschaft das Dorf Haina im Wohratal, und 1215 legten die Mönche den Grundstein für ihr neues Kloster. Durch Schenkungen, Käufe und Tausch bauten die als „Ackermönche“ bekannten Zisterzienser einen großen Grundbesitz auf.
Mit der Reformation endete das Klosterleben. Landgraf Philipp der Großmütige hob das Kloster auf, verkaufte es aber nicht, wie damals üblich. Stattdessen stiftete er 1533 in den Klostermauern ein Hospital für die arme Landbevölkerung, eines von vier „Hohen Hospitälern“ in Hessen. Diese Entscheidung prägt Haina bis heute: Die Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie führt die Tradition des Hospitals fort.
Zur Geschichte gehört auch das dunkelste Kapitel. In der NS-Zeit war Haina in die Krankenmorde der „Aktion T4“ einbezogen. Das Psychiatriemuseum erinnert daran ebenso wie an fast 500 Jahre Hospital- und Krankenhausgeschichte.

Die Klosterkirche: Gotik in ihrer reinsten Form
Das Herzstück Ihres Besuchs ist die Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert. Sie zählt wegen ihrer gotischen Ausmalung zu den bedeutendsten frühgotischen Baudenkmälern Deutschlands. Treten Sie ein und lassen Sie zuerst den Raum wirken: die hohe, helle Hallenkirche, die schlanken Pfeiler, die klare Ordnung. Hier spiegelt sich die Strenge der Zisterzienser, die auf Türme, Prunk und bunte Bilder bewusst verzichteten.
Achten Sie besonders auf die Fenster. Die Zisterzienser verwendeten statt farbiger Glasbilder graue Grisaillefenster mit geometrischen und pflanzlichen Mustern. Die erhaltenen Fenster in Haina gehören zu den ältesten ihrer Art in Deutschland. An einem sonnigen Vormittag fällt das Licht besonders schön durch das zarte Ornament.
Vergessen Sie nicht den Philippstein, den der Frankenberger Bildhauer Philipp Soldan 1542 schuf. Er erinnert an die Gründung des Hospitals durch Landgraf Philipp. Ganz in der Nähe finden Sie das Grabmal für Heinz von Lüder, den ersten Obervorsteher des Hospitals, ebenfalls ein Werk Soldans. Die Kirche wird bis heute als Gemeindekirche genutzt.

Tischbein und zwei Museen
Haina ist das Stammhaus der Malerfamilie Tischbein. Der Vater, Johann Heinrich Tischbein, war Bäcker im Hospital, und mehrere seiner Söhne und Enkel wurden gefeierte Maler. Der berühmteste ist Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, 1751 hier geboren. Ihm verdanken wir das bekannteste Bild Goethes: den Dichter in der römischen Campagna, das heute im Frankfurter Städel hängt. Im Tischbeinhaus erinnert ein kleines Museum an die Familie. Der Verein der Freunde des Klosters Haina zeigt außerdem regelmäßig Sonderausstellungen zu einzelnen Malern der Familie.
Das zweite Museum ist ungewöhnlicher. Seit 1992 befindet sich im ehemaligen Sprechraum der Mönche das Psychiatriemuseum Haina. Es zeigt rund 500 Jahre Psychiatriegeschichte, vom Hohen Hospital bis heute. Das Archiv in Haina verwahrt die Patientenakten seit dem 16. Jahrhundert lückenlos und ist eine herausragende Quelle für die Sozialgeschichte Hessens. Planen Sie für das Museum etwa eine Stunde ein. Es ist ein stiller, nachdenklicher Ort, der die Geschichte der Anlage verständlich macht.
Am meisten erfahren Sie bei einer Führung. Dabei sehen Sie auch Bereiche wie den Kreuzgang.

Wandern zwischen Wohratal und Kellerwald
Verbinden Sie den Klosterbesuch mit einer Wanderung. Haina ist Start der Schlussetappe des Kellerwaldsteigs. Die rund 16 Kilometer lange Etappe führt über die Ostflanke des Eulenbergs nach Löhlbach und weiter durch das Wesebachtal nach Frankenau. Sie gilt als leicht, rechnen Sie mit etwa vier Stunden Gehzeit.
Wer weniger Zeit hat, spaziert einfach durch das Wohratal oder in den Stamford’schen Garten. Diesen Landschaftsgarten ließ 1789 Friedrich von Stamford anlegen, damals Obervorsteher des Hospitals. Für einen größeren Ausflug liegt der Nationalpark Kellerwald-Edersee mit seinen alten Buchenwäldern nicht weit entfernt.
Praktische Hinweise
Die Klosterkirche ist tagsüber in der Regel geöffnet. Die Öffnungszeiten des Psychiatriemuseums, des Tischbeinhauses und die Termine der Führungen ändern sich je nach Saison. Prüfen Sie sie vor Ihrem Besuch bei der Gemeinde Haina (Kloster) oder bei Vitos Haina. Denken Sie daran, dass Teile der Anlage zum Klinikgelände gehören. Bitte respektieren Sie die Privatsphäre der Patientinnen und Patienten.
Kloster Haina ist kein Ort für einen schnellen Fotostopp. Nehmen Sie sich einen halben Tag Zeit: zuerst die Kirche im Morgenlicht, dann das Museum, am Nachmittag eine Runde durch das Wohratal. Sie werden einen Ort erleben, an dem Kunst, Glaube und soziale Verantwortung seit acht Jahrhunderten zusammengehören.
Alle Fotos: Rainer Wälde
Weitere Informationen und Quellen: