Ein Hofgut am Ende der Welt

Maxi und Philipp Reifenscheid verwirklichen mit Freunden ihren Traum von Gemeinschaft.

Hofgut Lenderscheid
Foto: Rainer Wälde

Wo die Straßen immer kleiner werden

Wer von Süden kommt, muss bei Schwalmstadt abfahren und über Obergrenzebach weiter. Die Straßen werden schmaler, die Dörfer seltener. Irgendwann glaubt man, am Ende der Welt angekommen zu sein. Dann kommt die Kuppe. Unten liegt Lenderscheid, daneben das Hofgut mit seinen alten Bäumen.

Philipp Reifenscheid kennt das Hofgut nur aus einer Internetanzeige. Er ist skeptisch. „Ich war total dagegen“, erinnert er sich und lacht. „Es war ja alles schon fertig, und es sah viel zu klein aus. Ich wollte etwas bauen. Was soll man hier? Da passt ja niemand rein.“

Vier Jahre später sitze ich mit ihm und seiner Frau Maxi auf genau diesem Hof. Hier leben inzwischen 14 Menschen. Und Philipp hat mehr gebaut, als er sich damals vorstellen konnte.

Es braucht ein Dorf

Die Geschichte beginnt in Heidelberg, mitten in der Corona-Zeit. Maxi und Philipp Reifenscheid wohnen schön, die Nachbarn sind nett. Doch die Familie sitzt zu Hause, die Kinder sind damals drei und sechs Jahre alt.

Ein Satz begleitet die beiden in dieser Zeit: Es braucht ein Dorf, um Kinder großzuziehen. „Die Nachbarn haben sogar öfter auf unsere Kinder aufgepasst“, erzählt Maxi. „Aber wenn wir angeboten haben, auf ihre aufzupassen, hieß es: Nein, alles gut.“

Was fehlt, ist die Selbstverständlichkeit. Kein Anruf, keine Verabredung im Café. Stattdessen jemanden auf dem Hof treffen und fragen, wie es geht. „Einfach das reicht schon, um das Leben schöner zu machen.“

Sehnsucht nach Gemeinschaft

Die beiden suchen nach einem Ort für eine Gemeinschaft. Im Odenwald schließen sie sich einem Hofprojekt an. Sieben Familien versuchen dort, sich über alles zu einigen, bevor sie kaufen. Als sie fertig sind, ist es zu spät. Das Projekt scheitert.

Aber es bringt sie mit Marcel und Verena aus Bad Camberg zusammen. Und mit einer Lektion: „Das nächste Objekt, das wir gut finden, kaufen wir zuerst“, sagt Philipp. „Dann finden wir die anderen Familien.“

Der Suchradius ist klar umrissen: höchstens zwei Stunden bis zu den Eltern, für alle vier. Am liebsten wären sie in Heidelberg geblieben. Doch die Immobilienpreise dort machen den Traum schnell zunichte. Dann taucht Nordhessen auf, eine Gegend, die keiner von ihnen kennt.

Sie stellen fest: Hier ist es nicht nur schön, sondern auch bezahlbar. 2021 kaufen die vier gemeinsam das Hofgut. Finanziell gehen alle ins volle Risiko. Dabei hilft ihnen ausgerechnet das gescheiterte Projekt im Odenwald.

Rechtsformen, Verträge, Grundbücher, Bankkredite: „Das ist der Wahnsinn, was wir an einem gescheiterten Projekt alles gelernt haben“, sagt Maxi. „Im Nachhinein denkt man: gut, dass es schiefgegangen ist.“

Schon bald ordnen sie die Finanzen so, dass jeder nur noch sein eigenes Risiko trägt. Doch ohne Marcel und Verena, das sagen beide, hätten sie den Schritt nicht gewagt.

Foto: Philipp Reifenscheid

Philipp pfuscht

Vor Ort entdeckt Philipp, was ihm die Internetanzeige verschwiegen hat: eine alte Scheune, die noch ausgebaut werden kann. Erst jetzt kann er zusagen. Selbst Hand anlegen, das ist für ihn der Kern. „Das war eigentlich mein Lebenstraum, so eine Wohnung zu bauen.“

Im Haupthaus gibt es vier Wohnungen. In die Scheune baut Philipp zwei weitere. Ursprünglich waren sogar drei geplant. „Aber finde erst mal so viele Verrückte, die da mitmachen.“ Der Ausbau soll die Gemeinschaft auch in eine zukunftsfähige Größe bringen – mehr als vier Parteien sollen es schon sein.

Wer verfolgen will, wie es vorangeht, findet ihn auf Instagram. Anfangs heißt der Kanal schlicht „Altes Hofgut“. Doch die Rückmeldung kommt schnell: Der Name klingt, als spräche er für alle, dabei zeigt er nur Philipps Arbeit und Positionen, etwa zum ökologischen Bauen. Also benennt er ihn um, in „Philipp pfuscht„. Er findet den Namen selbstironisch, und das passt.

Philipp hat Politikwissenschaften studiert und als Jugendreferent gearbeitet. Handwerkliches kennt er von zu Hause: Seine Eltern kauften einen Hof, als er noch ein Baby war, und renovierten ihn. Trotzdem sagt er heute offen: „Ich habe es mal männliche Selbstüberschätzung genannt. Ich hatte am Anfang wirklich gar keine Ahnung. Ein bisschen Glück war auch dabei, dass alles mehr oder weniger geklappt hat.“

Was nach dem Bauen kommt

Maxi Reifenscheid ist Soziologin an der Uni Kassel. Sie untersucht, wie die Menschen in Deutschland zu politischen Fragen eingestellt sind, unter anderem zur Gleichstellung. Sie forscht und lehrt, arbeitet aber vor allem im Homeoffice. Nur während des Semesters fährt sie regelmäßig nach Kassel.

Das Homeoffice ist für das ganze Projekt eine Grundvoraussetzung. Auch Marcel und Verena arbeiten für Arbeitgeber in Berlin, von zu Hause aus. „Solche Projekte sind viel schwieriger, wenn man erst noch einen Job finden muss, der von hier aus erreichbar ist“, sagt Maxi.

Philipp hat jahrelang in Vollzeit gebaut. Seit gut einem Jahr ist er wieder berufstätig, zunächst in der Grünpflege, weil ihn der Baumschnitt besonders interessiert. Inzwischen ist er in einer Weberei angestellt. Dort verputzt er Wände, verlegt Pflaster und übernimmt Hausmeisterarbeiten, also das, was er auf der eigenen Baustelle gelernt hat.

Einen Plan für die Zukunft hat er noch nicht. Das Bauen macht ihn glücklich, bis heute. „Aber es ist krass harte Arbeit. Und ich bin nicht mehr ganz jung, das merkt man.“ Beide sind Anfang 40. Vielleicht kehrt Philipp in die Jugendbildung zurück. Vielleicht macht er etwas mit Obstbäumen, „wie auch immer man damit Geld verdienen soll“. Und dann ist da noch die Arbeit als Hausmann, solange die Kinder nicht groß sind.

Zusammen auf dem Dach

Heute leben 14 Menschen auf dem Hofgut, neun Erwachsene und fünf Kinder. Einmal pro Woche treffen sich die Erwachsenen für anderthalb Stunden zur Hofrunde. Das ist das feste Minimum. Etwa einmal im Quartal nehmen sie sich zusätzlich an einem Wochenende Zeit füreinander. Zweimal pro Woche versuchen alle, die gerade da sind, gemeinsam zu Mittag zu essen.

Dazu kommt das Ungeplante. Die einen fahren zusammen zu einem Konzert, die anderen spielen abends Spiele oder gehen spazieren. Zuletzt haben sie gemeinsam das Dach der Scheune gedeckt, zwei Wochenenden lang, von morgens bis abends.

Der alltägliche Kontakt, den Maxi und Philipp in Heidelberg vermisst haben, ist hier gelungen. „Wenn man über den Hof läuft, sieht man sich. Das fühlt sich gut an“, sagt Philipp. Alles darüber hinaus bleibt Arbeit. Jeder hat einen Beruf, Kinder, eigene Interessen.

Manchmal hat man das Gefühl, die anderen ewig nicht gesehen zu haben. „Und wenn man ein Wochenende zusammen auf dem Dach gestanden hat, kommt man auch mal zwei, drei Wochen ohne engeren Kontakt aus.“

Foto: Marcel Gluschak

Wenn es irgendwo pikst

Wo Menschen so eng zusammenleben, bleiben Konflikte nicht aus. Gemeinsam mit einer Mediatorin, die viel Erfahrung mit Gemeinschaften hat, haben die Hofgutbewohner Regeln entwickelt. Konflikte sollen möglichst früh auf den Tisch, und zwar in Ruhe. Man fragt den anderen, ob er in den nächsten Tagen Zeit für ein Gespräch hat.

Gelingt das Gespräch nicht mehr, wird es unterbrochen und später fortgesetzt. Etwa alle halbe Jahr kommt die Mediatorin auf den Hof. „Dann finden sich definitiv Punkte, die wir mit ihr besprechen können“, sagt Maxi, „bevor sich etwas verhärtet.“

Das Ideal ist das eine, der Alltag das andere. „Wir sind auch alle Menschen und schaffen das nicht immer. Es kostet Ressourcen, auf jemanden zuzugehen und zu sagen: Was du gestern in der Sitzung gesagt hast, hat mich echt gepikst.“

Im ersten Jahr zeigt sich ein Konflikt, über den vorher niemand gesprochen hat. Jemand findet es merkwürdig, dass ein anderer einfach in die Wohnung kommt. Erst da merken alle, wie unterschiedlich ihre Vorstellungen von Nähe und Distanz sind. Sie setzen sich zusammen und fragen einander: Wie hättet ihr es gern?

Das Projekt ist jung. Die Gründer leben seit vier Jahren hier, die Jüngsten seit einem Dreivierteljahr. „Das bleibt ein Aushandlungsprozess“, sagt Maxi. „Wie man aufeinander zugeht und wie man sich gegenseitig einlädt.“

Ausgestreckte Hände

Vermissen sie etwas aus Heidelberg? Philipp überlegt kurz. Gutes Essen, sagt er dann, jenseits von Döner und Ahler Wurscht. Einen Falafelladen, eine spannende Küche. „Da ist es in Nordhessen knäpplich. Bei allen anderen Angeboten vermisse ich nichts.“

Maxi geht es ähnlich. Für sie hat das Eigentum viel verändert. In der Mietwohnung hat sie oft gedacht, wie schön es wäre, wenn eine Wand anders stünde. Hier kann man sie versetzen.

Kultur? Maxi geht gern ins Staatstheater nach Kassel, mit der ganzen Familie. „Das ist etwas Besonderes, Qualitätszeit in der Familie.“ In Heidelberg waren sie ab und zu im Jazzkeller, bevor die Kinder kamen. Danach blieb kaum Zeit für Kultur. Jetzt sind die Freiräume zurück.

Philipp hat eher das umgekehrte Problem. Im Schwalm-Eder-Kreis ist so viel los, dass man sich erschlagen fühlt. Der Pferdemarkt in Fritzlar, das historische Fest in Schwalmstadt. Hingeschafft haben sie es nicht, „da waren wir gerade auf dem Dach“. Was ihm an der Kultur hier gefällt, ist die persönliche Note. Wenn sie zu einer Ausstellung fahren, begrüßt sie Tine, und Ernst lädt sie noch ans Feuer ein. „Das hat etwas viel Näheres als ein Poetry Slam in Heidelberg.“

In Heidelberg waren sie Zugezogene, die jahrelang darum kämpften, Leute kennenzulernen. In Lenderscheid, dort, wo sie einst das Ende der Welt vermuteten, erleben sie das Gegenteil. „Von überall kamen ausgestreckte Hände: Hallo, kommt mal her“, sagt Maxi. „Wir wurden von einem zum nächsten weitergereicht. Das hat sich total warm angefühlt.“

Interview: Rainer Wälde